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Streckengebundene Fahrzeugdiagnose

Digitalisierung und Predictive Maintenance

Predictive Maintenance bedeutet, Wartungs- und Instandhaltungsmaßnahmen dann durchzuführen, wenn sie tatsächlich benötigt werden. Dadurch können Schäden und Ausfälle auf der einen Seite vermieden und im Idealfall die Instandhaltungsintervalle maximal gestreckt werden. Das erhöht die Verfügbarkeit des rollenden Materials und senkt gleichzeitig die Kosten in der Instandhaltung. Damit eine planbare Instandhaltung möglich ist, müssen sowohl die aktuellen als auch die historischen Zustandsdaten der Assets vorliegen und interpretierbar sein. Nur so lassen sich Grenzmaßüberschreitungen ablesen und Trends vorhersagen. Kleine Defekte am Fahrzeug lassen sich so schnell beheben, bevor sich größere und kostspielige Schäden daraus entwickeln.
Wer die Zustandsdaten seiner Fahrzeuge kennt, hat viele Vorteile. Zu wissen, wann ein Bauteil mit hoher Wahrscheinlichkeit ausfällt, getauscht oder gewartet werden muss, hilft bei der Planung der Beschaffungs- und Werkstattaktivitäten und lässt Spielraum, Auslastungsschwankungen zu glätten. Prozesse werden nicht nur dadurch verschlankt, dass Messungen in der Werkstatt entfallen können, wenn alle relevanten Messdaten permanent aus dem LiveBetrieb vorliegen. Der Instandhaltungsprozess an sich wird effizienter, der Materialverbrauch sinkt und die Kosten für die Instandhaltung der Fahrzeuge sinken. Gleichzeitig steigt die Zuverlässigkeit des rollenden Materials, da unerwartete Ausfälle und ungeplante Werkstattaufenthalte minimiert werden können.

Erhebung von Zustandsdaten

Im Zusammenspiel von Fahrzeug und Fahrweg gibt es verschiedene Möglichkeiten, Assets zu monitoren. So überwachen heute bereits Fahrzeuge, z.B. in Form von Messzügen, die Infrastruktur. Gleichzeitig kann die Infrastruktur durch spezielle Sensoren, z.B. in Weichenantrieben, sich selbst überwachen. Auch Fahrzeuge überwachen sich mit Hilfe von On-board-Diagnostik häufig schon selbst. Weniger bekannt ist die Überwachung von Fahrzeugen durch die Infrastruktur. Die streckengebundene Fahrzeugdiagnose, ist aber ein effektives und kostengünstiges Instrument, um seine Flotte zu monitoren. Bei der streckengebundenen Fahrzeugdiagnose werden Messanlagen im Gleisbereich installiert, die mit Hilfe unterschiedlicher Sensoren und Messtechnologien vorbeifahrende Züge diagnostizieren können. Im Gegensatz zur im Fahrzeug fest verbauten Messtechnologie (On-board-Diagnostik) kann so mit wenigen, strategisch gut gewählten Messpunkten oft die ganze Flotte im operativen Betrieb überwacht werden. In der Regel zielt die streckengebundene Fahrzeugdiagnose zudem auf außenliegende Bauteile, die mit Onboard-Diagnostik nur schwer oder gar nicht erfasst werden können.
Viele kritische Komponenten können so überwacht werden. Hierzu gehören u.a. die Radsätze eines Fahrzeugs. Radkraftdiagnoseanlagen ermitteln z.B. unrunde Räder, Flachstellen und schlingernde Drehgestelle. Es ist technisch zudem leicht möglich, die Querprofile der Räder und Bremsscheiben zu erfassen und alle relevanten Messparameter und somit Profil, Zustand und Verschleiß zu ermitteln. Achsfehlstellungen – häufig die Ursache für viele Verschleißfaktoren am Fahrgestell – oder der Zustand von Bremssohlen können mit speziellen Einrichtungen automatisch ermittelt und gemeldet werden. Hierzu werden laser-basierte und optische Verfahren verwendet. Kamerasysteme detektieren zudem Defekte an der Fahrzeughülle, erkennen den Verschmutzungsgrad oder melden mit Graffiti besprühte Fahrzeuge. Optische Verfahren sind insbesondere dort interessant, wo Inspektionen nur schwer und aufwändig durchführbar sind. Dies gilt insbesondere für die Fahrzeugunterseite, Wagendächer und dort verbaute Komponenten sowie Stromabnehmer. So kann z.B. die Restdicke des Kohlestreifens der Schleifleiste automatisch ermittelt werden. Akustische Sensoren erkennen an den Radsatzlagern der vorbeifahrenden Züge bereits kleinste Defekte und ordnen diese achsgenau dem entsprechenden Radsatzlager zu, bevor Heißläufer und andere Schäden entstehen. Unterstützt werden die Diagnoseverfahren von optischen Nummernerkennungssystemen oder RFID-Technologie, die eine eindeutige Zuordnung der Messdaten zu den Fahrzeugen und Fahrzeugkomponenten ermöglichen.

Wayside Monitoring Technologien

In anderen Ländern ist Wayside Monitoring bereits stark verbreitet und findet seit vielen Jahren Anwendung. Seinen Ursprung hat die streckengebundene Fahrzeugdiagnose im Bereich kritischer Infrastrukturen. Sie kommt überall dort zum Einsatz, wo ein Ausfall eines Fahrzeugs bzw. Zugs große wirtschaftliche oder prozessuale Folgen hätte. So werden z.B. in Kanada die Kohletransporte streng überwacht. Die Züge müssen in einer definierten Zeit ihren Ziel- und Entladebahnhof erreichen, da die geladene Kohle sonst so stark einfriert, dass sie nicht mehr aus den Waggons zu lösen ist. Ein Ausfall einer für das Weiterkommen relevanten Komponente und somit der Stillstand des Zuges hätte entsprechend schwerwiegende Folgen. Auch die Erz- und Kohleverkehre in Australien, die viele Hundert Kilometer Wüste zwischen Mine und Hafen durchfahren, werden lückenlos überwacht. Ein Ausfall auf einer dieser Strecken hätte fatale logistische Folgen. Aber nicht nur die Prävention steht hier im Fokus der Betreiber. Mit Hilfe der Diagnoseeinrichtungen konnten die fristbasierten Wartungsintervalle um den Faktor 8 gestreckt werden. Aufgrund der deutlichen Effekte auf die Instandhaltung und der vielen Vorteile gegenüber der Nachrüstung von On-Board-Sensorik, hat sich die streckengebundene Diagnose mittlerweile bei allen Verkehrsarten des Schienenverkehrs durchgesetzt. Weltweit kann auf ein breites Portfolio an Technologie und Technologieanbietern zurückgegriffen werden, die z.T. auf mehrere Jahrzehnte Erfahrung und
eine entsprechend ausgereifte Technologie zurückgreifen können. Die am häufigsten Anzutreffenden Anwendungsfälle zur streckengebundenen Diagnose und Erhebung von Fahrzeugzuständen im operativen Betrieb sind:

  • Radkraftdiagnose: Messung von Flachstellen und Radgeometrieabweichungen sowie der Erfassung der Achslast
  • Automatische Radsatz- und Bremsscheibenvermessung: Erfassung von Querprofilen und Bestimmung der exakten Messwerte
  • Stromabnehmerdiagnose: Defektüberwachung und Bestimmung der Kohlestreifenrestlaufzeit
  • Radsatzlagerdiagnose: Frühzeitige Detektion von innenliegenden Lagerschäden
  • Videotore: Befundung und Dokumentation von Fahrzeugen sowie automatische Graffitierkennung
  • Diagnose von Achsfehlstellungen: Erkennung von Abweichungen der Achsen von ihrer Soll-Position sowie Erkennung von Schlingern

Im Folgenden werden exemplarisch einige Technologien zu den oben genannten Anwendungsfälle näher beschrieben:

Bei der Radkraftdiagnose wird mit Hilfe unterschiedlicher Technologien die Kraft gemessen, die zwischen den Rädern des Fahrzeugs und der Schiene entstehen. Ist ein Rad nicht gleichmäßig rund oder existieren Flachstellen, so ist der Kraftauftrag auf die Schiene nicht gleichmäßig, was messtechnisch eindeutig nachgewiesen werden kann. Hierzu bedienen sich die Messanlagenhersteller unterschiedlicher Ansätze wie Dehnmessstreifen, Laserwaagen, Glasfaserleitungen oder auch elektromagnetischer Felder. Die Sensoren werden an den Schienen, meist über einen Bereich von mindestens einer Radumdrehung, angebracht und messen die Durchbiegung und Veränderung der Schiene durch die Krafteinwirkung des Rades. Die Radkraftdiagnose ist eine der im Schienenverkehr am stärksten verbreiteten Technologien. Entsprechend kann weltweit auf ein Lieferantenportfolio von ca. 20 Lieferanten zurückgegriffen werden.

Das Radkraftdiagnosesystem der Firma AMTAB aus Schweden als Beispiel basiert auf Dehnmessstreifen (vgl. Abbildung) und wird zur Gewichtserfassung während der Fahr eingesetzt. Darüber hinaus erfasst es Flachstellen, die ungleichmäßige Gewichtsverteilung der Fahrzeuge sowie andere potenzielle Entgleisungsursachen. Selbst bei Geschwindigkeiten von über 90 km/h konnte eine Messgenauigkeit von ±0.15% nachgewiesen werden, was insbesondere für den Vergleich verschiedener Überfahrten, die Trenderkennung und die Ableitung von Schadensentwicklungen relevant ist. Doch nicht nur für die Instandhaltung lassen sich wichtige Erkenntnisse aus dem Betrieb ableiten. Die hohe Genauigkeit des Systems erlaubt z.B. eine exakte Bestimmung der Fahrgäste, die sich im Fahrzeug befinden. Gemeinsam mit der SNCF konnte eine Genauigkeit von ±10 Personen nachgewiesen werden. Die Messungen erlauben viele interessante Anwendungsfälle wie Ableitungen über Fahrgastströme und -entwicklungen, Indikatoren über nichtzahlende Passagiere oder die Ableitung der Wagenbelegung zur Information der am Bahnsteig wartenden Fahrgäste.

Die Radsatzdiagnose ist ein zentraler Bestandteil jeder Wayside Monitoring Strategie. Die Radsätze sind ein wesentlicher Kostentreiber in der Instandhaltung und gleichzeitig hat der Zustand der Räder hohen Einfluss auf die Geräuschentwicklung und somit die Lärmemission der Fahrzeuge, den Fahrtkomfort der Passagiere und nicht zuletzt die Sicherheit des Eisenbahnbetriebs. Die streckengebundene Radsatzvermessung liefert kontinuierlich Informationen über die Zustände und das Profil der Räder, lässt Entwicklung und Trends ableiten und spart darüber hinaus den Messvorgang in der Werkstatt ein. Hierbei kommt hinzu, dass sich bei neuen Fahrzeugdesigns, wie Niederflur- oder Ultra-Niederflurbahnen, die den Komfort der Fahrgäste erhöhen sollen, die Messung der Radsätze immer schwieriger gestaltet und den Aufwand hierfür erhöht. Bei der automatischen Radsatzdiagnose werden verschiedene Laser und optische Sensoren im Gleisbett – häufig in einer Hohlschwelle – verbaut, die exakt die Radprofile der vorbeifahrenden Züge erfassen und alle gängigen Messparameter hieraus ableiten.

Werkstattsysteme, d.h. im Gleis verbaute Anlagen, die bei niedrigen Geschwindigkeiten die Radprofile automatisch erfassen können, gibt es viele. Kleiner wird der Kreis der potenziellen Anbieter, wenn man die Anlage auf freier Strecke installiert und das System trotz höherer Zuggeschwindigkeiten belastbare Messergebnisse liefern soll. Die Installation auf freier Strecke ist durchaus sinnvoll, da so meist die Anzahl der Messungen pro Fahrzeug erhöht werden kann und für die Messung kein Eingriff in den planmäßigen Zugbetrieb erfolgen muss.

Die Firma KLD Labs aus den USA liefert Systeme, die auch noch bei Geschwindigkeiten jenseits der 100 km/h zuverlässige Messergebnisse liefern (vgl. Abbildung). Das System sammelt und analysiert Messdaten und kann Instandhaltungsprioritäten festlegen. Der personalintensive und fehleranfällige manuelle Messvorgang kann eingespart werden. Während der Überfahrt werden hochauflösende Bilder erzeugt, Messdaten abgeleitet und den Wagennummer zugeordnet. Auf diese Art kann exakt bestimmt werden, welche Räder eine erhöhte Aufmerksamkeit im Rahmen der Instandhaltung bekommen sollen. Alle Daten werden in der sogenannten internetbasierten TrainBase Software gesammelt (vgl. Abbildung), wo sie grafisch und tabellarisch ausgewertet werden können. Mit Hilfe historischer Daten können Statistiken können pro Fahrzeug oder über die gesamte Flotte oder Trendanalysen erstellt werden. Wird ein definierter Grenzwert erreicht, erhält der Nutzer einen Alarm per E-Mail oder SMS. Eine Anbindung an jedes gängige Asset Management-System ist darüber hinaus möglich.

Die Bremsscheibendiagnose funktioniert sehr ähnlich wie die automatische Radsatzvermessung. Mit Hilfe von Lasern und hochauflösenden Kameras eines im Gleisbett verbauten Sys tems können die vorhandenen Bremsscheiben erfasst und deren Querprofile grafisch als auch messtechnisch dargestellt werden. So können die Restnutzung berechnet oder eine ungleichmäßige Abnutzung (z.B. Hohllauf) detektiert werden. Die Anzahl der Systemlieferanten ist überschaubar. Die Firma Beena Vision (Trimble) bietet Systeme an, die sowohl die auf der Welle als auch die direkt am Rad montierten Bremsscheiben automatisch vermessen und analysieren können.

Eines der am aufwändigsten zu wartenden Bauteile eines Triebfahrzeugs ist der Stromabnehmer. Er ist schwer zugänglich und zu seiner Inspektion muss das Fahrzeug von der Oberleitung getrennt und das Personal vor der Oberleitung geschützt werden. Ein nicht nur zeitaufwändiger Vorgang. Nicht erkannte Defekte des Stromabnehmers ziehen im schlimmsten Fall einen Schaden an der Infrastruktur mit sich, der häufig kostspielige Folgen und eine massive Störung des Betriebsablaufs mit sich bringt. Gleichzeitig ist die mögliche Restnutzung der Schleifleisten für die Flotten- und Instandhaltungsplanung ein wichtiger Faktor. Seit einigen Jahren sind Kamerasysteme zur automatischen Inspektion der Stromabnehmer auf dem Vormarsch. Ursprünglich wurden sie entwickelt, um dem Infrastrukturbetreiber einen Überblick über den Zustand der Stromabnehmer der Infrastrukturnutzer zu geben und um potenzielle Gefährder rechtzeitig zum Schutz der Oberleitung aus dem Verkehr zu ziehen. Heute werden sie verstärkt vom Flottenmanagement genutzt, um wichtige Instandhaltungsinformationen und Restlaufzeiten zu ermitteln. Wie bei den meisten Wayside Monitoring Lösungen gibt es weltweit ein entsprechendes Portfolio an potenziellen Technologie-lieferanten. Einer der führenden Anbieter ist die Firma Camlin aus Irland.

Das System von Camlin (vgl. Abbildung) arbeitet mit einer Stereo-Kamera-Optik, die es ermöglicht, 3D-Objekte der aufgenommenen Stromabnehmer zu erstellen. Das System erkennt Abweichungen vom Standard, wie fehlende oder verbogene Teile sowie Ausrichtungs- und Symmetriefehler. Mit Hilfe von Lasern können die Maße der Stromabnehmer exakt ermittelt werden. Wie alle bildgebenden Wayside Monitoring Technologien arbeitet das System mit Licht, um auch nachts oder bei schlechten Witterungsverhältnissen hochauflösende Aufnahmen zu erstellen. Das effiziente LED-Blitzlicht ist dabei vom menschlichen Auge kaum wahrnehmbar. Auch der Anpressdruck der Pantographen an die Oberleitung kann mit Hilfe des durch den Stromabnehmer verursachten Anhubs ermittelt werden, so dass die Fahrzeuge für einen minimalen Verschleiß an Oberleitung und Schleifleiste eingestellt werden können. Das System zeigt Bilder, 3D-Modelle sowie millimetergenaue Messwerte. Zudem löst aus bei vordefinierten Überschreitungen von Grenzwerten Alarm aus.

Videotore finden bereits heute ein breites Anwendungsspektrum. Grundsätzlich bestehen sie aus ein oder mehreren Kamera-Systemen (vgl. Abbildung).

In der Regel werden für die Aufnahme von bewegten Objekten Linienkameras verwendet, die im Gegensatz zu Matrix- oder Flächenkameras kein ganzes Bild aufzeichnen, sondern das vorbeifahrende Fahrzeug „Streifen für Streifen“ erfassen. Die Streifen werden dann unter Berücksichtigung der Geschwindigkeit des Wagens von einer Software zu einem kompletten Bild zusammengesetzt. Je nach Kamera werden Schwarzweißaufnahmen oder farbige Bilder erstellt. Für Aufnahmen in Tunneln oder bei Nacht muss für farbige Bilder eine auch für das menschliche Auge sichtbare Lichtquelle gewählt werden. Monochrome Aufnahmen können mit Hilfe von Infrarotlicht erzeugt werden, das sich in einem für das menschliche Auge nicht sichtbaren Farbspektrum bewegt. Dies hat Vorteile, da Triebfahrzeugführer und Fahrgäste nicht geblendet werden. In Abhängigkeit von Auflösung und Qualität der Aufnahmen können dann einfache oder komplexe, maschinelle und manuelle Auswertungen vorgenommen und z.B. Gesichter aus Datenschutzgründen verpixelt werden. Eine simple, aber komplett automatisierbare Anwendung ist die Erkennung von vorhandener Verschmutzung und Graffiti oder deren Größe. Hierfür sind keine hochwertigen Aufnahmen notwendig, da das System lediglich Abweichungen der Kontraste gegenüber einem Sollzustand erkennen muss. Komplexere Algorithmen und künstliche Intelligenz werden angewendet, um Schäden zu erkennen und automatische Inspektionen durchzuführen. Aber auch die manuelle Sichtprüfung kann mit Hilfe hochauflösenden Aufnahmen vereinfacht werden, wenn sie unabhängig von Ort und Zeit per Monitor durchgeführt werden kann. Häufig werden Kamerasysteme auch an den Stellen eingesetzt, die für die Instandhaltung. Hierzu zählen in erster Linie Dach- und Unterflurinspektionen. Die Anzahl der möglichen Systemlieferanten ist groß. Je nach Anwendungsfall muss entschieden werden, ob der Schwerpunkt des Lieferanten auf der Hardwarekompetenz (Erzeugung von Bildern) oder der Fähig, Bilder mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) auszuwerten, liegen soll.

Mit Hilfe von Schall können bewegliche Teile auch von streckengebundenen Einrichtungen diagnostiziert werden. Eine Anwendung ist die akustische Radsatzlagerdiagnose. Mit Hilfe von speziellen Mikrofonen, die in einer eigens dafür entwickelten Vorrichtung an der Strecke installiert werden, wird das Geräusch jedes vorbeifahrenden Radsatzlagers aufgezeichnet. Ein spezieller Algorithmus wertet Frequenz und Amplitude der Audiodateien aus. Abweichungen vom Normalprofil werden schon viele tausend Kilometer vor dem für das Menschliche Ohr hörbaren Geräusch identifiziert. Dabei unterscheidet das System nach Schwere des Defekts und ob es sich um Defekte des Außenrings-, Innenrings oder Wälzkörper handelt. Auch wenn diese Anwendung weit verbreitet ist, haben sich bisher nur wenige Technologielieferanten gefunden.
Mit Hilfe von laserbasierten Diagnosesystemen (vgl. Abbildung) können Achsfehlstellung von Fahrzeugen genau identifiziert werden. Achsfehlstellung bedeutet, dass die einzelnen Achsen nicht optimal zueinander zum Drehgestell oder zum Fahrzeug ausgerichtet sind.

Kleine Abweichungen können bereits zu erhöhtem Verschleiß z.B. der Radsätze oder Radsatzlager führen. Die Korrektur der Achsfehlstellung behebt Verschleißursachen an ihrem Ausgangspunkt. Nach Aussagen des Herstellers WID (Wayside Inspection Devices) aus Kanada reduziert die konsequente Behebung von Achsfehlstellungen den Radsatzverschleiß um bis zu 50% (Verdoppelung der Lebenszeit) und den Energieverbrauch der Fahrzeuge um bis zu 10%. Systeme wie die Radkraftdiagnose oder die Radsatzvermessung können zwar den Verschleiß der Räder darstellen, können aber häufig nicht die Ursachen identifizieren. Daher ist die Verwendung einer Kombination verschiedener Systeme häufig sinnvoll.

Vorteile Wayside Monitoring
Die streckengebundene Fahrzeugdiagnose ist ein wesentliches Element einer digitalisierten Wertschöpfungskette im Schienenverkehr. Vom Flottenmanagement über die Planung und dem Betrieb bis hin zu Werkstatt und Instandhaltung kann mit Hilfe kontinuierlich erhobener und digital verfügbarer Messdaten ein hoher Nutzen erzielt werden. Liegt eine ausreichende Anzahl an Messdaten vor, können Verschleißursachen ermittelt und mögliche Ausfälle prognostiziert werden.
Damit können z.B. die bauartspezifischen Instandhaltungskosten langfristig reduziert werden. Trendermittlung und Prognose erlauben eine optimale Materialausnutzung. Dies, verbunden mit einer hohen Planungssicherheit in Bezug auf Ersatzteile und entsprechende Vorhaltungskosten, ermöglicht eine zeitliche Optimierung der Materiabeschaffung und eine deutliche Reduktion der Materialbeschaffungskosten. Mit Hilfe der Information über von Materialzustand und -restlaufzeiten können teure Werkzeugmaschinen optimal ausgelastet werden. Eine digitalisierte und teilautomatisierte Inspektion und Schadaufnahme der Fahrzeuge entlastet die Werkstätten und erlaubt den Einsatz mobiler Instandhaltungsteams. Der Werkstattaufenthalt verkürzt sich, da die erforderlichen Messergebnisse bereits vorliegen und nicht erst in der Werkstatt ermittelt werden müssen. Werkstatt und Fahrzeug werden produktiver, Ausfallzeiten der Züge werden reduziert.

Wayside Monitoring Strategie

Die streckengebundene Fahrzeugdiagnose ist in Deutschland wenig verbreitet, obwohl sie ein effizientes und effektives Mittel zur Reduzierung der Fahrzeugkosten und Erhöhung der Flottenverfügbarkeit ist. Dabei steht die Messtechnologie in Form von Hard- und Software bereits zur Verfügung. Eine Vielzahl an Lieferanten hat ihre Systeme seit vielen Jahren bei ausländischen Eisenbahnen im Einsatz und diese über die Zeit so weiterentwickelt, dass sie nicht nur den Anforderungen eines modernen Eisenbahnbetriebs entsprechen, sondern dort bereits ein wesentlicher Baustein einer digitalen Instandhaltungsstrategie sind.
Wer über Digitalisierung in der Instandhaltung und Predictive Maintenance nachdenkt, sollte die streckengebundene Fahrzeugdiagnose unbedingt als wesentlichen Bestandteil einer solchen Strategie berücksichtigen. Anwendungen und Systeme sollten dabei keinesfalls neu entwickelt werden, da sie zu genüge am Markt vorhanden sind. Viel wichtiger ist es, genau zu definieren, welche Anforderungen die Prozesse der Instandhaltung des Betriebs und des Flottenmanagements haben und welche Standorte für die Erfassung der Daten am besten geeignet sind. Für jeden Anwendungsfall lässt sich eine Wirtschaftlichkeitsberechnung erstellen, die genaue hinweise darüber liefert, welche Investition in ein System gerechtfertigt ist, um einen maximalen Nutzen für das Unternehmen zu stiften.

Fazit

Wer die Verfügbarkeit seiner Flotte erhöhen und die Kosten der Instandhaltung optimieren möchte, muss Zugriff auf die Zustandsdaten seiner Assets haben. Streckengebundene Systeme haben hierbei gegenüber On-Board-Diagnostik viele Vorteile. Die Technologie ist weltweit verbreitet und seit Jahrzehnten erprobt. Anlagen zur Diagnose von unterschiedlichsten Herstellern zur Diagnose der unterschiedlichsten Komponenten sind am Markt erhältlich. Neben der Optimierung der Instandhaltung bieten die Systeme auch Potenzial zur Verbesserung der Qualität und Schaffung innovativer Anwendungsfälle. Wer sich auf das Feld der streckengebundenen Diagnose begibt, sollte von Neu- und Eigenentwicklungen absehen, sondern auf Basis seiner Anforderungen bewährte Technologie am Markt einkaufen.

Ihr Ansprechpartner

Benjamin Fröhling

Benjamin Fröhling

Unternehmer, Berater und Umsetzer